Wing Chun, Wing Tsun, usw.

Es handelt sich hierbei um ein Nahkampfsystem aus China, das man in ähnlicher Ausführung unter verschiedenen Namen finden kann.

Meine Erfahrungen mit diesem System beschränken sich auf wenige Stunden Training im Verlaufe von mehreren Jahren.

Daher sind die Ausführungen unten wahrscheinlich oberflächlich und sicherlich nicht allgemeingültig. Ich beschreibe hier nur meine Erfahrungen, die ich in einigen wenigen Schulen oder durch private Kontakte gemacht habe.

Nichtsdestotrotz habe ich die Wing Chun Erfahrungen zu einer Zeit gemacht, in der ich schon jahrzehntelange Kampfkunsterfahrung hatte.

So habe ich das Training erlebt

Das Training, wie ich es erlebt habe, ist streng reglementiert. Die Teilnehmer dürfen nur mit anderen Teilnehmern üben, die auf Ihrer Stufe stehen und die Bewegungen sind ziemlich strikt vorgegeben.

Es handelt sich in den meisten Fällen um ein kommerzielles System, in dem die Trainer haupt- oder nebenberuflich Geld verdienen wollen. Das Geldverdienen ist jedenfalls ein wichtiger Teil des Ganzen. Die Kommerzialisierung zeigt sich auch im ausgeprägten Konkurrenzdenken gegenüber anderen Kampfkunstarten.

Es wird wenig echter tiefgehender Kontakt im Training hergestellt. Die Bewegungen sind oft schnell, werden dann aber vor dem Ziel abgestoppt.

Die Bewegungen sind sehr dynamisch und ökonomisch, es gibt viele gute und wirksame Konzepte. Es wird meist aus einer „Kampfstellung“ gearbeitet und versucht, sich in dieser bestmöglich zu decken.

Es handelt sich um einen relativ agressiven Kampfstil, das Vorgehen wird als das beste Mittel beschrieben, Strategien wie man ausweicht oder auf dem Rückzug arbeitet, sind mir nicht begegnet.

Trainer setzen bei erfolgreichen Bewegungen der Studenten im Kontakt mit denselben auf Geschwindigkeit und Agressivität, um die Rangordnung zu bewahren und/oder wiederherzustellen.

Die Partner sind bei den Vorführungen ausgesprochen passiv. Nach der ersten Angriffsbewegung bleiben sie stehen und lassen das darauf folgende Dauerfeuer des Trainers passiv über sich ergehen.

Meine Meinung zum von mir erlebten Wing Tsun Training

Durch die streng reglementierte Übungssituation bekommt man wenig Gelegenheit, mit stilfremden Bewegungen zu arbeiten. Auch kann man schlecht von der Erfahrung der „älteren“ Studenten lernen. Das verlängert den Lernprozess erheblich, was ja eventuell aufgrund der Kommerzialisierung auch gewollt ist.

Die fortgeschrittenen Studenten haben wenig bis keine Möglichkeit, die unkonventionellen Bewegungen der Anfänger zu studieren. Ihnen begegnen nur schon vorkonditionierte Partner aus dem System und das auch häufig noch in reglementierten Situationen.

Es wird viel in eingeschränkten Szenarien geübt, ohne auf Prinzipien zu achten, die in anderen Situationen wichtig sind, da diese Situationen im Wing Chun Universum gar nicht vorkommen.

Leider fehlt die Freiheit. Es wird zu oft aus einer einzigen „Kampfstellung“ gearbeitet und so nur ein Bruchteil der vorhandenen Möglichkeiten genutzt oder erforscht. Das Öffnen des Körpers und die damit verbundenen Möglichkeiten werden nicht gesehen.

Der Kontakt zwischen den Mitgliedern der Gruppe ist durch die Hierarchie in der Übung nur mit Partnern derselben Stufe eingeschränkt, was sich auf die Gruppendynamik auswirkt und das Training sozial etwas ärmer macht. Es besteht eine deutliche Hierarchie in der Gruppe, in der die „höhergestellten“ oft etwas überheblich auf die „tiefergestellten“ herabblicken. Ebenfalls ein ziemliches Hindernis für die Entwicklung echter Freundschaften und guter Beziehungen.

Viele Bewegungskonzepte sind sehr ökonomisch und sehr wirksam. Leider gibt es keinen echten Kontakt und daher ist die Entwicklung von gutem Distanzgefühl gestört. Außerdem kann man so nicht lernen, mit Energien, die auf den Körper treffen, umzugehen.

Es werden wenig verschiedene Situationen trainiert. Das Training konzentriert sich auf den Kontakt im Nahkampf. Distanzgefühl und Timing in weiteren Distanzen wird nicht oder nur eingeschränkt geübt. Es fehlt Training in verschiedenen Umgebungsszenarien wie unebener Boden, Menschenmassen, Wasser, Bewegung mit Gepäck und ähnlichen realistischen Bedingungen.

Das Prinzip, zuerst den Angriff zu vermeiden ist nur schwach oder gar nicht ausgeprägt. Stattdessen wird fast immer agressiv in den Angriff hineingegangen, eine Strategie, die unter bestimmten Umständen nicht die beste ist. Die Gefühlswelt des Übenden wird in der strategischen Ausrichtung nicht beachtet.